Sprungturm Millstatt

Der Sprungturm am Millstättersee - über 90 Jahre identitätsstiftend für die Region Millstättersee

Im Oktober 2021 wurde der, während der Sanierung ausgehobene und digitalisierte Bauakt von der Marktgemeinde Millstatt am See, digital an das Bauarchiv Kärnten übergeben. Erstaunlicherweise hat ein umfangreiches Material die Zeit überdauert. Neben sämtlichen Ausführungsplänen auch die unterschiedlichsten Entwurfsvarianten, die Korrespondenz zwischen Gemeinde und Planern sowie die statischen Berechnungen.

Ab 1929 wurden verschiedene Entwürfe der auftraggebenden Gemeindevertretung in Millstatt, die wörtlich eine „Ausfertigung eines generellen Projektes für den Bau eines Springturms mit Doppelwasserrutschbahn im Strandbade von Millstatt, gleich dem in Pörtschach am Wörthersee erbauten solchen Springturm“ wünschte, vom Planer Ing. Rudolf Christof aus Villach vorgelegt. In weiterer Folge hatte er nach erster Konsultation als Mitarbeiter für das Projekt Ing. Walter Benedikt aus Klagenfurt, einen „ersten Fachmann für Eisenbetonbau“ gewinnen können, nachdem die Wirtschaftlichkeit einer Beton- gegenüber einer Holzkonstruktion in einer peniblen Berechnung nachgewiesen wurde.

Realisiert wurde eine für die damalige Zeit noch relativ seltene und für Gegenden abseits der Tätigkeit geübter städtischer Bauunternehmen in der Ausführung anspruchsvolle Betonkonstruktion.

Die Baufirma Ed. Ast & Co. Ingenieure aus Graz, die das französische Patent für die damaligen Eisenbetonkonstruktionen nach dem „System Hennebique“ von Francois Hennebique für Österreich erworben und weiterentwickelt hat, führte eine abgewandelte Variante dieses Systems aus, die aber für solche schlanken, der Witterung ausgesetzten Sonderbauten noch relativ wenig erprobt war. Ed. Ast & Co. Ingenieure war nicht nur ein alteingesessenes Bauunternehmen, sondern dank ihrer technischen Kompetenz und Innovation mit dem Werkstoff Beton an allen richtungsweisenden Bauten in dieser Zeit maßgeblich beteiligt. So wurde beispielsweise die Betonbalkenkonstruktion der Decken des Sanatoriums Purkersdorf von Josef Hoffmann ebenfalls von der Firma Ast ausgeführt.

Die Haupttragelemente des Turms, zwei annähernd gleichschenkelige Dreiecke übertragen Horizontal- und Vertikallasten auf eine polygonale Betonrippendecke, die das Gesamtgewicht von 200 Tonnen auf etwa fünfzig darunterliegende Pfähle aus Tannenholz im Boden verteilt.

Die Verbindung von Sprungturm und Wasserrutsche war damals ein Novum, dessen innovative Umsetzung auch heute noch ein markantes Gestaltungselement im Strandbad darstellt. Friedrich Achleitner bezeichnete den Sprung- und Rutschenturm in seinem Werk "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band II“, als „kleinen plastisch-konstruktiven Geniestreich“ (Achleitner 1983, S. 64).

Es ist daher nicht überraschend, dass der 1930 errichtete Sprungturm im Millstätter Strandbad, der heute noch besteht und 2008 unter Denkmalschutz gestellt wurde aufgrund seiner formalen und technischen Gestaltung zur großen Attraktion wurde.

WEITERBAUEN AM DENKMAL

Nachdem der Sprungturm 2009 aus sicherheitstechnischen Gründen behördlich gesperrt wurde, hat die Marktgemeinde Millstatt im Herbst 2015 einen geladenen Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Ein zukunftsweisendes Projekt sollte entwickelt werden, dass sowohl den sicherheitstechnischen Anforderungen als auch den Auflagen des Denkmalschutzes entspricht. Dabei sollten die ursprünglichen Attraktionen - Springen und Rutschen - wieder angeboten werden können.

Hohengasser Wirnsberger Architekten konnten die Jury mit ihrem zurückhaltenden Sanierungskonzept überzeugen. Wesentliche Entwurfskriterien im Umgang mit der denkmalgeschützten Substanz waren der Erhalt der „Reling-Geländer-Charakteristik“ sowie das Erlebnis wieder durch die Stahlbetonkonstruktion rutschen zu können.

Nach mehrjähriger Planungsphase (sicherheitstechnische Abstimmungen mit der Behörde) konnte der Sprungturm am 2. August 2018 feierlich wiedereröffnet werden.

Auszug aus der zur Wiedereröffnung von der Gemeinde Millstatt und Hohengasser Wirnsberger Architekten aufgelegten Broschüre.

Texte: Adolph Stiller, Axel Hubmann, Hohengasser Wirnsberger Architekten

Adresse
Kaiser-Franz-Josef-Straße 334, 9872 Millstatt am See
Planer*innen
Entwurf 1930er-Jahre: Ing. Rudolf Christof und Ing. Walter Benedikt, Sanierung 2018/19: Hohengasser Wirnsberger Architekten
Bauherr*innen
1930er-Jahre: Gemeinde Millstatt: Bürgermeister Artur Przyborski. Sanierung: Gemeinde Millstatt: Bürgermeister Johann Schuster, Millstätter Bäderbetriebe: Alexander Thoma.
Bauzeit
Baubeginn: 1930 — Fertigstellung: 1931
Denkmalschutz
2008
Publikationen
  • Achleitner, Friedrich (1983), Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in drei Bänden. Band II. Kärnten. Steiermark. Burgenland. Salzburg/Wien: Residenz
  • Kapfinger, Otto und Stiller, Adolph (2018), Fundamente der Demokratie. Architektur in Österreich - neu gesehen. Bildung - Soziales - Kultur, Müry Salzmann Verlags GmbH
  • Vejnik, Lukas (2022), Minimales Weiterbauen am Denkmal, Piranesi Magazin (Slowenien)